Clara Heidi Herbst wollte schon immer Medizin studieren, erhielt jedoch in Deutschland keinen Studienplatz. An der Stradinš Universität in Riga absolvierte sie die ersten 5 Semester, anschließend wechselte sie an die TU Dresden, wo sie durch eine Bewerbung im höheren Fachsemester einen Studienplatz in Medizin erhielt. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen mit zwei sehr unterschiedlichen Studiensystemen.

Wie kamst Du darauf, mit Medizin im Ausland anzufangen?

Riga, Hauptstadt Lettlands (Foto: David Holt)

Mit meinem Abi von 1,6 ging ich zunächst fest davon aus, einen Medizinstudienplatz in Deutschland zu bekommen. Eine Studienberatung hatte mir damals versichert, dass ich mir bei meinem Schnitt keine Gedanken machen müsse. Über Alternativen hatte ich mir daher keine Gedanken gemacht. Als mir dann lauter Absagen ins Haus flatterten, musste ich schnell handeln: Bei den meisten Unis im Ausland waren die Bewerbungsfristen bereits abgelaufen, sodass ich ein ganzes Jahr hätte warten müssen. Riga war die einzige Universität, deren Bewerbungsfrist  noch nicht verstrichen war und bei der man auch im Sommersemester anfangen kann. Die Gelegenheit habe ich dann genutzt.

Was hat Dir an Deinem Studium in Riga gefallen?

Eine Menge! Besonders gefiel mir, wie gelehrt und abgefragt wird. Der Lernaufwand ist sehr hoch, man muss wahnsinnig viel Zeit und Energie in die Fächer stecken, ganz besonders während der Examenszeit. Dafür lernt man aber auch viel mehr und viel fundierter, als an anderen Universitäten. Was mir sehr gut gefiel, war das Studium in Kleingruppen von maximal zwölf Studenten. Die Dozenten kennen jeden Studenten persönlich und können daher gut einschätzen, wer sich auf welchem Level befindet. Auf diese Weise ist ein sehr individualisierter Unterricht möglich. 

Und auch die vielen Prüfungen, die über das ganze Semester verteilt sind, tragen zum nachhaltigen Verständnis bei. In einigen Fächern gibt es wöchentliche Tests, in anderen wird alle paar Wochen getestet. In jedem Fach gibt es mehrmals im Semester sogenannte Kolloquien – das sind Prüfungen mit offenen Fragen, also ohne Multiple Choice. Das Bestehen dieser Kolloquien ist notwendig, um am Ende des Semesters zum Examen zugelassen zu werden.

Hier kannst Du sehen, wie Du Dich aus Riga zum Sommersemester 2017 für ein höheres Fachsemester bewerben kannst: Bewerbungsstrategie Riga

Auf diese Weise ist man zum kontinuierlichen Lernen gezwungen. Das ist meiner Meinung nach die Voraussetzung dafür, dass die Informationen im Langzeitgedächtnis bleiben.

Wenn man wie in Deutschland allein für Multiple-Choice-Prüfungen lernt, lernt man gegebenenfalls zwar detaillierter, aber mit weniger Verständnis.

Was waren die Nachteile?

Im Vergleich zu Deutschland hat mir in Riga so gut wie alles besser gefallen. In der vorklinischen Zeit hätte ich mir gewünscht, dass ein bisschen mehr mit den Patienten gearbeitet wird und weniger theoretisch. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das in Deutschland ähnlich ist.

Wie war es, auf Englisch zu studieren?

Ich hatte den Vorteil, dass ich bereits in der Schule eine gute bilinguale Englischausbildung hatte. Aber auch für die Anderen, die mit ganz normalem Schulenglisch in Riga angefangen haben, war es kein Problem, auf Englisch zu studieren. Ich kenne niemanden, der aufgrund der Sprache Probleme in seinem Studium gehabt hätte.

Wie wichtig ist es, Lettisch zu beherrschen?

Da Lettland so ein kleines Land ist und Lettisch nur von einem winzigen Teil der Weltbevölkerung gesprochen wird, fällt es in den ersten Semestern manchmal schwer, sich für den obligatorischen Lettisch-Kurs zu motivieren. In den späteren Semestern wird Lettisch aber immer wichtiger, weil man die Sprache für den Unterricht und den Patientenkontakt braucht. Russisch ist aber oft genauso hilfreich, weshalb sich ein Teil der Studenten entscheidet, Russisch zu erlernen, während der andere Teil in den folgenden Semestern sein Lettisch vertieft.

Wie ist das Verhältnis von Deutschen zu anderen Nationalitäten?

An der internationalen Fakultät sind ca. 40 Prozent der Medizinstudenten Deutsche, gefolgt von den skandinavischen Ländern. Jeder deutsche Student, der zum Studium in Riga zugelassen wird, kann sich entscheiden, ob er in einer internationalen Gruppe studieren möchte. So wird garantiert, dass niemand einer rein deutschen Gruppe zugeteilt wird, der das nicht ausdrücklich wünscht.

Neben der internationalen Fakultät gibt es noch die lettische Fakultät. Lange hatten die beiden Fakultäten wenig miteinander zu tun. Seit einiger Zeit besteht allerdings die Möglichkeit, in gemischten lettisch-internationale Gruppen zu studieren. Die Unterrichtssprache bleibt dabei natürlich Englisch.

Lohnt es sich, die hohen Studiengebühren zu zahlen?

Ich finde ja! Erstens ist das Verhältnis von Studierenden zu Lehrenden absolut genial. Es gibt Gruppen von durchschnittlich zehn Leuten mit einem Lehrer je Fach. Ein solches Betreuungsverhältnis ermöglicht einen tollen Unterricht, hat aber eben auch seinen Preis. Zweitens hat die Uni in allen Jahren, in denen ich vor Ort war, sehr viel Geld in Gebäudesanierungen und den Ausbau von Laboren investiert. Außerdem wurde erst vor einigen Jahren ein hochmodernes Technology Centre unweit des Hauptgebäudes eröffnet. Dort gibt es eine Vielzahl an Simulatoren, an denen zum Beispiel kleine Operationen geübt werden können. Man kann also deutlich erkennen, wo die Studiengebühren hinfließen.

Was nimmst Du mit aus Deiner Zeit in Riga?

Ein sehr gefestigtes vorklinisches Wissen, tiefe Freundschaften, von denen ich hoffe, dass sie ein Leben lang bestehen bleiben und ganz viel Weltoffenheit. Es ist schon ein großer Schritt, mit 18 Jahren allein in ein fremdes Land zu ziehen, dessen Sprache man nicht spricht und von dem die meisten vorab nichtmals wissen, wo genau dieses Land überhaupt liegt. Wenn man dann die Erfahrung macht, dass das problemlos funktioniert, stärkt das natürlich das Selbstvertrauen. All das hätte ich wohl nicht erfahren, hätte ich direkt in Deutschland mit dem Studium begonnen.

Aus welchen Gründen bist Du wieder zurückgekommen?

Der naheliegendste Grund ist natürlich der finanzielle Aspekt. Es lässt sich nun einmal nicht leugnen, dass das Studium in Riga kostspielig ist. Zudem hatte ich damals sehr idealisierte Vorstellungen vom Studium in Deutschland. Unter uns deutschen Medizinstudenten in Riga ist Deutschland das „gelobte Land“, wo alle hinmöchten. Es plant eben auch niemand, nach Riga zu kommen; es ist fast immer die Notlösung. In Riga sind die Studenten sehr kritisch, weil ihnen immer das Ideal von Deutschland vor Augen schwebt, ohne genau zu wissen, wie das Studium in Deutschland überhaupt aussieht. Es gab später Zeiten, in denen ich ein wenig bereut habe, überhaupt nach Deutschland zurückgekehrt zu sein.

Wie war der Neuanfang an der Uni in Dresden?

In Dresden musste ich mich an sehr große Lerngruppen und ein unpersönlicheres Umfeld gewöhnen. In den Prüfungen in Deutschland werden lauter Details abgefragt, es kommt nicht auf das Verständnis an. Es ist ein reines Auswendiglernen, was mich sehr geärgert hat. In Riga wurde sich häufig über den mangelnden Kontakt mit den Patienten beschwert, in Dresden war das aber leider ziemlich ähnlich.

Wie war es für Dich, auf einmal auf Deutsch zu studieren?

Am Anfang war es etwas merkwürdig, selbst die einfachsten Ausdrücke – etwa die Segelklappe des Herzens – nicht zu kennen. Sobald aber die lateinischen Ausdrücke fielen, wusste ich worum es geht.

Wie war es für Dich, in einen bestehenden Jahrgang hineinzukommen?

Wir waren allein zwölf Quereinsteiger aus Riga, die gemeinsam in Dresden angefangen haben und noch einige Weitere von anderen ausländischen Universitäten. Gerade in der Anfangszeit haben wir viel unter uns gemacht. Aber dadurch, dass man in den Kursen ständig mit neuen Leuten zu tun hat, war es sehr einfach, auch schnell Kontakte zu den anderen Studenten zu knüpfen. Ich hatte das Gefühl, mit offenen Armen in Dresden aufgenommen worden zu sein und habe mich so schnell eingelebt.

Du studierst bereits Medizin an der Riga Stradinš Universität? Hier kannst Du sehen bei wie vielen Universitäten in Deutschland Du Dich zum Sommersemester für ein höheres Fachsemester bewerben kannst: Bewerbungsstrategie – Es sind ab dem 2. Semester mindestens 25, auch wenn Du bereits das Physikums haben wirst.

Hast Du eigene Erfahrungen mit dem Wechsel aus dem Ausland nach Deutschland und hast Lust darüber zu berichten? Schreib uns gerne an kontakt@bewerbungsrenner.de! 

Hast Du Fragen zum Wechsel nach Deutschland? Melde Dich gerne bei uns! Bewerbungsrenner unterstützt Dich beim Einstieg in ein höheres Fachsemester in Medizin in Deutschland schon vor der Bewerbung in ein höheres Fachsemester.