Amelia, Quereinsteigerin in Medizin

Amelia meldete sich bei uns, um von ihrem Quereinstieg nach Deutschland zu berichten, nachdem sie die Geschichten von anderen Quereinsteigern aus Medizin auf der Webseite von Bewerbungsrenner gelesen hatte. Sie selbst studierte im 4. Fachsemester Medizin an der Universität in Vilnius, als sie eine Zusage für einen Studienplatz an der Universität Bonn erhielt – für das 2. Fachsemester…

Amelia, was hat Dich zum Wechsel von Vilnius nach Deutschland bewogen?

Eigentlich hat es mir in Vilnius sehr gut gefallen. Trotzdem wollte ich gerne näher bei Familie, Freunden und meinem Freund sein. Und natürlich spart man eine Menge Studienkosten. Um den Wechsel zu schaffen, habe ich mich jedes Semester an den Unis in Deutschland beworben. Zwischen dem dritten und vierten Semester bekam ich zum Sommersemester 2016 dann endlich eine Zusage aus Bonn – für das 2. Fachsemester. Da hatte das Semester gerade schon begonnen. Von der Uni Bonn wurde mir mitgeteilt, dass ich schon Kurse verpasst habe und dass ich das Physikum frühestens im März 2017 machen können würde. Dabei fehlten mir nur drei unnötige Einführungsveranstaltungen…

Was stellt man mit einem Studienplatz im falschen Fachsemester an?

Mein Plan war, das Vorklinikum in Vilnius zu beenden, um mich dann mit dem Bescheid für das Physikum in Bonn hochstufen zu lassen. Die Studienkoordinatoren in Bonn meinten zu mir, dass das wahrscheinlich nicht funktionieren würde.

Aber Du konntest Dich hochstufen lassen, oder?

In Foren hatte ich gelesen, dass die Uni Bonn immer wieder Hochstufungen vornimmt. Ich habe mir gedacht, probieren kann man es ja mal. In Vilnius habe ich dann nur noch Physiologie absolvieren müssen. Und mit dem Physikumsbescheid erhielt ich prompt die Nachricht, ich sei erfolgreich ins 5. Fachsemester hochgestuft worden! Ob im Einzelfall hochgestuft wird, ist, glaube ich, schwer vorherzusagen und hängt auch von der Uni ab.  Eine Freundin zum Beispiel hat einen Platz in Jena bekommen. Sie konnte dort allerdings auf Grund mangelnder Plätze nicht einfach hochgestuft werden.

Lass uns über die Bewerbungen sprechen. Was würdest Du Bewerbern aus Deiner eigenen Erfahrung heraus raten?

Es lohnt sich, sehr viel Energie in die Bewerbungen zu stecken. Man sollte sich nicht nur an ein paar Unis bewerben, sondern an so Vielen wie möglich. Selbst wenn man nicht an der Wunsch-Uni gelandet ist, kann man später immer noch darauf hoffen, einen Tauschpartner zu finden. Das ist von Deutschland aus wesentlich einfacher. Außerdem habe ich mich jedes Semester neu beworben, was die Chancen auf einen Platz auch erhöht. An manchen Unis, auch in Bonn, habe ich mich sogar mehrfach auf verschiedene Semester beworben.

Und man kann sich tatsächlich auf mehrere Fachsemester bewerben?

Ich habe geguckt, was auf den Uni-Webseiten geschrieben steht. Und wenn da nicht ausdrücklich stand, dass man sich nur auf ein Semester bewerben darf, ist es vielleicht eine gute Idee, sich für das zweite, dritte und vierte gleichzeitig zu bewerben. Ich habe immer die gleichen Unterlagen verwendet und bloß unterschiedliche Umschläge benutzt. Nur eine Uni, bei der ich mich für das 2. Fachsemester beworben hatte, teilte mir mit, ich hätte zu viele Scheine.*

Hast Du vielleicht sonst noch eine Empfehlung, wie man seine Chancen auf einen Quereinstieg erhöhen kann?

Ich habe immer alles hinzugefügt, was ich an sozialen Tätigkeiten vorweisen kann. Beispielsweise habe ich eine dreimonatige Rettungssanitäterausbildung gemacht und das bei keiner Bewerbung unterschlagen. Ich glaube, das war ein Vorteil.**

Hat sich denn der Wechsel letztlich gelohnt? Bist Du gut in Bonn angekommen?

Ja, ich bin froh, hier zu sein. Vor kurzem habe ich zum Glück die erste Prüfungsphase erfolgreich hinter mich gebracht!

Das freut mich zu hören. Liebe Amelia, vielen Dank für das Interview.

 

Unsere Erfahrungen mit Höherstufungen in Medizin/Zahnmedizin an Universitäten in Deutschland:

Amelias Fall zeigt, dass eine Hochstufung manchmal unbürokratisch möglich sein kann. In der Regel muss man sich an der betreffenden deutschen Universität nach Erwerb des Physikums zum Folgesemester um Höherstufung bewerben. Dies funktioniert prinzipiell genauso wie eine Bewerbung zum höheren Fachsemester. Der Unterschied ist, dass man jetzt als ‚Höherstufer‘ eingruppiert wird. Diese Ranggruppe wird vor allen externen Bewerbern (Ortswechsler und Quereinsteiger) zugelassen, insofern es freie Plätze im entsprechenden Fachsemester gibt. So ist das Verfahren der Hochstufung zumindest an dem meisten Universitäten geregelt. Im Einzelfall muss man sich darüber informieren, wie es an der Universität aussieht, an der man eingeschrieben ist, denn nicht überall gibt es die Ranggruppe der ‚Höherstufer‘. Auch wenn insgesamt die Chancen gut stehen, dass die Höherstufung gelingt, so gibt es dafür keine Garantie. Falls sie nicht gelingt, muss man die Zeit z.B. mit Praktika oder Promotionsvorbereitungen überbrücken, bis man automatisch in das zum Studienstand passende Fachsemester einzieht.

* Anmerkung von Bewerbungsrenner: Uns ist einzig von der Universität Gießen bekannt, dass dort explizit die Bewerbung auf bis zu 3 Fachsemester zulässig ist. Hierzu sind 3 jeweils in sich vollständige Bewerbungen einzureichen. Jedoch bietet die Universität Gießen rund ums Jahr alle Fachsemester an, weshalb man sich jederzeit auf das individuell ideale Fachsemester bewerben kann. An den anderen Universitäten muss man sich grundsätzlich immer auf das im Verhältnis zum persönlichen Anrechnungsstand (möglichst) passende Fachsemester bewerben.
** Anmerkung von Bewerbungsrenner: Diese Einschätzung ist so leider nicht richtig. ‘Sonderleistungen’ im weitesten Sinne bringen bei den – sehr standardisierten – Bewerbungen zum höheren Fachsemester in Medizin (fast) keinen Vorteil ein. Medizinische Vorausbildungen werden – im Gegensatz zu einer Bewerbung auf das 1. Fachsemester über die Stiftung “hochschulstart” – überhaupt nicht berücksichtigt. Nur von den Universitäten Magdeburg und Tübingen ist uns derzeit bekannt, dass dort ein abgeleisteter Dienst (FSJ, Zivil- oder Wehrdienst, Bundesfreiwilligendienst, FÖJ etc.) einen kleinen Pluspunkt einbringt. Dies bedeutet, dass man bei Ranggleichheit mit anderen Kandidaten diesen gegenüber bevorzugt zugelassen wird. Die Rangfolge an sich wird aber zuvor über andere Kriterien gebildet.